PATAGONIEN - CHILE UND ARGENTINIEN

Wir knacken die 2000 km im Sattel

Bericht 4: Chile 24.03. - 13.04.2015

 

Nach 2 langen Busfahrten sind wir aus dem Sueden Patagoniens ueber Bariloche in die Hauptstadt Chiles gefahren. Die Raeder sind jeweils in dem unteren Stauraum der komfortablen Busse verpackt worden. Santiago de Chile erreichen wir an einem Morgen, an dem heftige und untypische Regenfaelle die Stadt teilweise ueberschwemmt haben. Aus diesem Grund ist es auch unserem Freund Christobal, den wir in Neuseeland vor 2 Jahren kennegelernt haben, nicht moeglich gewesen, uns abzuholen. Er muss vorerst das Haus seiner Eltern von dem hereingelaufenen Wasser bereinigen. Das stellt fuer uns allerdings kein Problem dar. Mit der uns bekannten Adresse und einem Stadtplan suchen wir uns eine guenstige Route und machen uns auf den Weg durch die 7 Millionen Stadt. Und wir starten auch gleich im pulsierenden Zentrum dieser chaotischen Stadt. Wir folgen der Hauptverkehrsstrasse, aehnlich dem Kurfuerstendamm in Berlin, ist das Treiben laut, ungeordnet und voller Busse. Und wir sind mitendrin bzw. versuchen wir uns am rechten Strassenrand im Tempo der dahin rollenden Blechwalze von Fahrzeugen fortzubewegen. Es klappt recht gut. Ampel fuer Ampel, Strasse fuer Strasse. Skeptisch werden wir beaeugt, weil es doch untypisch ist, mit voll bepackten Raedern durch diese Stadt zu rollen. Wir schlagen uns tapfer, stoppen an einem kleinen Imbiss und essen Salat und Sandwich, bevor wir nach 1,5 Std das Haus von Chris erreichen. Er heisst uns herzlichst willkommen und bietet uns sofort Getraenke, Dusche und ein Zimmer an. Wir nehmen dankend an und setzen uns mit ihm auf die Terasse und lachen ueber unsere letze Begegnung in Neuseeland. Es ist erstaunlich,dass wir es tatsaechlich geschafft haben, uns wieder zu sehen. Es passiert sehr oft auf Reisen, dass Freundschaften geschlossen werden und man sich verspricht, sich eines Tages zu besuchen bzw. sich wiederzusehen. Aber in den seltensten Faellen wird man es tatsaechlich schaffen, diese gewonnnen Freunde in den anderen Laendern oder Kontinenten wiederzusehen. Wir haben es tatsachelich nach fast exakt 2 Jahren geschafft. Ein toller und unvergesslicher Moment!
 
Wir verbringen erholsame Tage mit Chris und seiner Mutter, seiner Schwester und der Katze, die jeden Abend bei uns im Bett naechtigt. Wir besteigen den Berg Manquehue (1638m) und geniessen einen grandiosen Blick ueber die von Bergen eingekesselte Stadt Santiago. Wir besuchen die Maerkte, die aus kleinen, bunten Strassenstaenden und den schreienden chilenischen Verkaeufern immer wieder ein Vergnuegen sind. Mangos, Avocados, Papayas, Tuna (Kaktusfrucht), Cochayoyo (getrockneter Seetang), Feigen und weitere fruchtige Produkte wandern in unseren Stoffbeutel.
Wir folgen einer Einladung zu Chris´ Freunden und Cousins und feiern einen Abend mit den doch recht wohlbetuchten Chilenen. Trinken den typischen Pisco (Traubenschnaps) und fuehlen uns ploetzlich recht alt in der anwesednen Gesellschaft. Das lag allerdings auch daran, dass viele junge Studenten anfang Zwanzig unter den Gaesten waren. Dennoch hatten wir einen ausgefallenen Abend, der sich von den Radlerabenden deutlich abgehoben hat und sich bis frueh in den Morgen hinaus zog.
Einen weiteren schoenen Abend verbrachten wir bei einem gemuetlichen Abendessen im Hause der Familie, zu dem sich Sandro und Eloisa (Onkel und Tante) dazu gesellten. Sie wohnen mehrere hundert Kilometer noerdlich und fanden unsere Reise so spannend, dass sie uns zu sich eingeladen haben. Und so sollte es spaeter auch kommen.
 
Wir verlassen Santiago am 29.3. zusammen mit Chris. Er faehrt uns mit dem Auto an den Stadtrand, damit wir einige Stunden und den hektischen Verkehr einsparen koennen. Er setzt uns am Highway 68 ab und wir setzen die Raeder zusammen. Einen festen Druecker und ein „Hoffentlich sehen wir uns noch einmal!“ zum Abschied und schon treten wir wieder in die Pedale. Doch schon nach gut einer Stunde Fahrt stehen wir vor einem Problem bzw. vor einem Tunnel, der das Durchfahren mit dem Rad nicht gestattet. Da wir aus einem Internetbericht gehoert hatten, es gaebe einen Transportservice fuer Fahrradfahrer, bleiben wir gelassen. Nur koennen wir das zustaendige Auto nicht sehen. Aber eine Notrufsaeule, die fuer uns die Loesung des Problems darstellte. Also, Knopf gedrueckt, ein paar Brocken Spanisch in das Mikrofon gehustet und....nix passiert.Hm...wir warten. Dann kommt ein Kleintransporter des zustaendigen Autobahnabschnittes. Der freundliche Fahrer erklaert uns, dass sich vor 2 Jahren die Gesetze geaendert haben und es keinen Transport mehr gibt. Wir muessen zurueck und einen Bus nehmen. Na klasse!
Wir beschliessen einige hundert Meter zurueck zu radeln und uns mit der bekannten „Daumen hoch“ Pose an den Strassenrand zu stellen. Nach 25 min haelt ein Pick Up, der uns mitnimmt Durch den ersten Tunnel und durch den zweiten Tunnel, der in 25 Kilometer folgte. Wir setzen unsere Fahrt fort und erreichten am spaeten Nachmittag unser Tagesziel Valparaiso. Eine aussergewoehnliche Hafenstadt. Haeuser sind kuenstlerisch bunt bemalt und besprueht, die Strassen steil, dass Gondeln als Fahrstuehle umfunktioniert worden sind, um in die hoeher gelegenen Stadtbereiche zu gelangen. Haeuser stehen dicht an dicht. Kein Garten, keine Freiflaeche, ausser ein paar kleine angelegte Parkflaechen, die gleichzeitig einen weitreichenden Ausblick ueber die Stadt hinaus aufs Meer bieten. Das Meer, der Pazifik, seit langem das erste Mal, dass wir wieder weites Wasser sehen. Ein Anblick den wir moegen, uns aber bisher auf der Reise verwehrt blieb. Prompt sehen wir beim Spaziergang im Hafen gelassenen Seeloewen. Elly steht fuer Minuten regungslos dar und bestaunt die wuchtigen Burschen. Thomas interessiert sich dagegen mehr fuer die lokalen Angler, die nur mit einer Schnur und einem Haken versuchen, Fische zu fangen. Allerdings gelingt es ihnen nicht erfolgreich.
 
Wir bleiben eine Nacht und folgen der Kueste nach Norden. Aus Valparaiso raus fuehrt eine 3 spurige Autobahn, die erneut mit unendlichen vielen Bussen befahren wird. Wir folgen der Spur nach gutem Gefuehl als wir ploetzlich an eine Zusammenfuehrung zweier Autobahnen kommen und kreuzen die vollbefahrenen Fahrbahnen von links nach rechts. Hektisch und gefeahrlich geht es zu. Wir wollen nur raus aus diesem Chaos. Nach 30 Minuten erhoehtem Herzschlags schaffen wir es nach Vine del Mar. Der Ort schliesst nahtlos an den vorherigen an. Allerdings tauscht er den bunten Altbaustil gegen protzige Hochhaeuser ein, die am Strand stehen. Das einzige, was uns zusagt, ist der neu angelegte Radweg entlang der Promenade. Kurz darauf biegt der Highway ab und die Kuestenstrasse F30, Ruta del Mar, folgt kurvenreich der Kuestenlinie. Wenig Verkehr und ein staendiger Blick aufs Meer beruhigen unsere Radlerseelen.
 
In den naechsten Tagen zelten wir auf zwei Zeltplaetzen, die aufgrund der Nebensaison menschenleer sind. Wir, ganz allein, mit all dem Sand zwischen den Fuessen, dem Rauschen der Wellen und Sonne satt. Ein weiterer Grund, warum wir nach Norden fahren, sind die konstantant warmen Temperaturen. 30 Grad und strahlend blauer Himmel.
 
So erleben wir auch Ostern in Tongoy, einem kleinem Fischerort, das sich touristisch mit seinem langem Strand und den kulinarischen Meerespezialitaeten zu einem beliebtem Ausflugsort entwickelt hat. Tongoy ist 430 km noerdlich von Santiago und eher ein Dorf, in dem sengende Hitze, die staubigen Strassen und die bruechig wirkenden Haeuser noch trister erscheinen lassen. Aber der Blick ueber den Strand aufs ruhige Meer entschaedigt alles. Wir lassen uns auf dem Zeltplatz nieder und versorgen uns mit Wein, Wassermelone und frischen Fisch, der spaeter in der Pfanne landet. Uns geht es gut, richtig gut. Sonne, Strand und Meer, Ruhe und zwei schoene Tage sind ein Wohlgenuss. Allerdings sind die Naechte merkwuerdig. Schon entlang der Kueste haben wir in den letzten Tagen immer wieder Schilder registriert, die auf folgendes hinweisen: „Tsunami evacuation point“. Chile ist ein Land, das mit vielen Naturkatatsrophen zu kaempfen hat. Neben den fast ueblichen Vulkanausbruechen, heftigen Ueberschwemmungen gibt es auch Erdbeben. Und bekanntlich koennen Erdbeben bzw. Seebeben auch Tsunamis mit verheerenden Flutwellen ausloesen. Mit dem Wissen, dass man sich permanent in den Gefaehrdungsbereichen der Tsunamizonen befindet, laesst es sich schlecht in einem Zelt (ca. 30m  vom Wasser und den permanent ran rauschenden Wellen) einschlafen. Sehr merkwurdig. Ohne Wellen und mit leichtem Sonnebrand verlassen wir Tongoy weiter noerdlich Richtung La Serena.
 
La Serena ist die 4. groesste Stadt Chiles und eine kleine Oase in mitten des langen Kuesten Streifens, des kleinen Nordens Chiles. Der Kolonialstil der praechtigen Gebaeude ist ein schoener Anblick und laesst uns fuer Momente nicht glauben, dass wir in Chile sind. In La Serena wohnen Sandro und Eloisa, Verwandte von Chris, die uns angeboten hatten, bei ihnen zu naechtigen. Das tun wir auch. Erneut werden wir herzlichst und fuersorglich aufgenommen. Sogar etwas unerwartet bekoestigt und versorgt. Erneut befinden wir uns in einem Haushalt, in dem eine Haushaelterin die Waesche macht, das Essen kocht und saemtliche Scheiben und Fussboeden putzt. Fuer uns ist das sehr ungewohnt. Aber es scheint in einigen Familien Chiles normal zu sein. Allerdings ist es ein sehr krasser Gegensatz zu den Familienverhaeltnissen im Sueden (Patagonien) des Landes. Wir bleiben eine Nacht und fahren Landeinwaerts nach Vicuna, ein Ort der aufgrund der klimatischen Bedingungen vom Weinbau und des Fruchtanbaus profitiert. Die Familie hat dort in der Naehe ein weiteres Grundstueck, das wir aufsuchen sollen, um dort zu zelten. Es stellt sich heraus, dass es sich um eine Avocado-Plantage handelt. Ein paradisisches Anwesen mit Poolanlagen, Zeltstellplaetzen und reichlich Obstbaeumen. Schon die Fahrt von La Serena durch das Valley de Elqui war eine bezaubernde. Den Grossstadttrubel im Ruecken fahren wir leicht steigend, kurvenreich in eine immer gruener werdene bergige Landschaft. Allerdings zieht sich die Vegetations nur auf ca. 200 – 300m hoch und wirkt wie abgeschnitten, bevor sie in ein trockenes, brauenliches Bergrelief uebergeht. In der Talmitte schlengelt sich ein ein kleiner Fluss, der eine Lebensader der angrenzenden Anbaufelder ist. Wir folgen der Strasse und zu unseren Seiten wachsen eine vielzahl an Fruechten: Bananen, Orangen, Avocados, Granatapfel, Feigen, Weintrauben, Walnuesse, Aepfel, auf den Feldern werden Zuchinis, Paprika, Papayas und Zitronen angebaut. Eine wahrlich tropisch, fruchtige Strasse. Auf der Avocado-Farm sind nur ein „angestelltes“ Paar, die fuer die Wasserversorgung der Baeume und zur Sicherheit vor Diebstahl der wertvollen Fruechte anwesend. Wir bleiben 2 Tage. Wir machen einen Ausflug zum Observatorium Mamalluka, um uns sternen klaren Himmel anzusehen. Ein toller Abend mit vielen Sternbildern, Galaxien und Monden. Jupiter mit seinen 4 Monden und den 2 Umlaufbahnen konnten wir wunderbar durch das Teleksop sehen und bestaunen. 
Die Fahrt zurueck nach La Serena gestaltet sich als sehr entspannt, weil wir die Hoehenmeter auf Meeresspiegelniveau gelassen abspulen. Kurz nach Ankunft buchen wir zwei Plaetze in einem Bus, der uns weiter nach Norden in die Atacama Region bringen soll.
 
Naechste Halt ist San Poedro de Atacama. Die namenhafteste Oase in mitten der Atacama-Wueste, einer der trockensten Landschaften der Welt. Unsere Vorstellungen von einer endlosen, flachen und sandigen Wuestenflaeche entspricht nicht der tatsaechlichen Gegebenheiten der Atacamawueste. Die Region befindet sich auf ca. 2400m und wird von Cordilleren und einigen Vulkanen begrenzt und somit in einer Art Kessel eingeschlossen. Als wir mit dem Bus den Ort erreichen, sehen wir ueppig gruene Baumreihen, einen groesseren Bach und eine huegelige, schroffe Landschaft. Der Ort selber boomt. Touristen schlendern durch die braunen Gassen, die durch Lehmartige Hauserreihen gebildet werden. Es ist mehr los als an manchen Festtagen in einigen deutschen Kleinstaedten. Uns gefaellt es fort an. Es ist warm. Aufregend ist es, sich tatsaechlich an solch einem skurillen Flecken der Welt zu befinden. Wir nehmen die Raeder und machen einen Ausflug ins Valley de Luna. Nach gut einer Stunde mit aufgerissenen, staunenden Augen erreichen wir den Zugang. Es erwartet uns wahrlich eine Mondlandschaft. Karge Felsformationen, die mit einem weissen Schleier ueberzogen sind, als waeren ueberdimensionale Spinnen am Werk gewesen, die alles mit ihren Netzen ueberzogen haben. Bei naeherem Hinsehen wird klar, dass es Salzkristalle sind. Ein unwirklicher Anblick. Wir laufen ueber Sandduennen, die alllerdings eher selten sind, stehen vor meterhohen Gesteinssaeulen und kratzen auf Salzkristallen, die wie Eisschollen im Boden verankert sind. Klingt komisch, ist aber so.
Am naechsten Tag passiert wohl eines der unerwartensten Dinge, die in einer Wueste passieren koennen: Es regnet. Es regnet tatsaechlich! Gefuehlte 387 Tropfen fallen vor uns auf den staubigen Boden. Wir sind verbluefft.
Von San Pedro aus planen wir die Weiterreise nach Bolivien. Es gilt, die Anden zu ueberqueren, um dann eine Salzwueste zu durchfahren. Da wir diese einzigartige Fahrt nicht in unserem begrenzten Zeitfenster unterbringen koennen, buchen wir eine 3 Tages-Jeepfahrt. Es gibt zwar ueber 40 Anbieter fuer diese Tour, allerdings ist es schwierig, einen zu finden, der unsere Drahtesel mit nehmen moechte. Aber wir finden einen und buchen fuer den 13.4.2015.  

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Einer der unwegsamsten aber besten Abschnitte. Grenzuebertritt Chile/Argentinien

Bericht 3: Argentinien 29.02. - 23.03.2015

 

Nachdem wir uns einige Tage Ruhe in Coyhaique gegönnt haben, verlassen wir das Casa del Ciclista und die vielen anderen Radreisenden. 19 Zelte und 27 Fahrraeder haben wir am Abend zuvor gezaehlt. Als wir die Stadtgrenze Richtung Süden passieren, kommen uns Polizeimotorräder und mehrere Autos in einer Kolone fahrend entgegen. Einige von ihnen winken hektisch und fordern uns zum Stehen auf. Aus der Gegenrichtung rollt uns ein Fahrerfeld eines lokalen Rennradwettkampfes entgegen. Wir stoppen, klatschen und feuern die bergauffahrenden Sportler an. Zufaelligerweise tragen wir unsere Rennradtrikots ebenfalls. Jedenfalls scheinen die Insassen der Versorgungsfahrzeuge der Radler ploetzlich mehr Interesse uns gegenueber zu aeussern als ihren Schuetzlingen: Sie jubeln zu uns rueber, hupen freundlich und halten die Kamera auf uns. Nach dem erfreulichen Spektakel setzen wir unsere Etappe zum naechsten Abendlager fort.

Nach 62 km erreichen wir am fruehen Nachmittag den National Park Cerro Castillo auf fast 1000 Höhenmetern. Da es zwischenzeitlich regnete, der Wind in den Bergen zunahm und die Temperatur in der Region auf 8 Grad Ceslsius runter ging, waren wir sichtlich geschafft. Auf Grund dessen, dass der tatsaechliche Pass mit 1062 m erst in 20 km folgen sollte, beschliessen wir zu bleiben und das Zelt im sehr schoen gestalteten Campingareal des Parkes aufzuschlagen. Mit Schutzhuette, Feuerstelle und bereitgestelltem Holz gefaellt uns der Platz sofort. Wenig später rollen die Liechtensteiner Daina und Robin ein, mit denen wir schon Tage zuvor in Coyhaique Radlerfreundschaft schlossen. Nachdem die ersten Tees und Suppen auf offenem Feuer angesetzt waren, stößt auch noch der Mexikaner Jorge, der mittlerweile 2 Jahre durch die Welt tourt, zu uns. Gemeinsam sitzen wir auf den hoelzernen Bänken und tauschen Erlebnisse aus aller Welt und verschiedensten Reisen aus. Ein gemuetlicher Abend im Freien geht so zu Ende.  

 

Am Morgen danach fahren wir zusammen mit den Liechtensteinern weiter. Passieren den Pass und somit die hoechste Stelle der Carretera Austral. An diesem Tag wechseln sich Sonne, Wolken und Regen im gefühlten 30 min -Takt ab und wir halten ca. 10 Mal, um den Wetterbedingungen entsprechend die passende Kleidung anzulegen. Kaum hat man den zur Abfahrt nötigen Pullover angezogen, der den kühlen Fahrtwind in den schön geschwungenen Serpentinen abhält, wird man ihn an der naechsten schweisstreibenden Steigung wieder ausziehen. Einige Kilometer später tröpfelt es und wir ziehen schonmal vorsichthalber die Regenhose und Jacke an. Und so geht das Spiel den ganzen Tag. Inzwischen hat sich auch der herrlich glatte Belag wieder zum Carretera Austral typischen Schotter geändert und das bleibt auch für die nächsten 400 km so.

 

Im 200 Seelen Dorf, Villa Cerro Castillo, füllen wir unser Proviant auf und fahren weitere 30 km, bevor wir am Rio Ibanez zelten. Der Morgen begrüßt uns mit einem Regenbogen über dem Fluss, der sich zwischen den Bergen Richtung Lago General Carretera (Chile) bzw. Lago Buenos Aires (argentinische Seite), dem groessten See Chieles und tiefsten Sees Suedamerikas, seinen Weg sucht. An diesem Tag werden wir unsere 1000 Radfahrkilometer in Südamerika komplettieren. Gleichzeitig erreichen wir Puerto Tranquillo nach unser längstes Tagesetappe mit 94, 5 km. Nach diesem Kraftakt haben wir uns einen Ruhetag verdient. Diesen nutzen wir für einen Bootsausflug. Mit weiteren 8 Bootsinsassen und dem Kapitaen, Boris, geht es zu den "Capillas de Mármol". Die vom wasserausgewaschenen Formationen der Marmorhoehlen bieten eine Abwechslung der besonderen Art. Sowohl farblich als auch strukturreich bilden sie einzigartige Tunnel, Löcher und abstrakte Silhouetten, die sogar unter Wasser im klaren Lago General Carretera wunderbar leuchten. Der Kapitaen unterhält zudem auf besteweise und macht aus diesem Ausflug ein freudiges Spektakel für alle Anwesenden. Zurück am Zeltplatz erwartet uns die nächste schöne Überraschung: Tom, Daina und Robin sowie der österreicher Markus, die wir allesamt zuvor kennen gelernt haben, sind ebenfalls eingetroffen. Es ist ein freudiges Wiedersehen, eine Art Wiedervereinigung der kleinen Radlergemeinschaft, die alle mit gleichen Absichten und Motivation durchs Land reisen und dabei die selben Schwierigkeiten bestehen müssen und ähnliche Probleme erfahren wie wir. Ein schöner Moment, der uns alle verbindet. Wir essen zusammen, trinken Wein, lachen und sprechen über die gefahrenen Kilometer.

 

Am nächsten Tag brechen nur wir auf, da die anderen ihren Ruhetag ebenfalls vor Ort mit der Bootsfahrt verbringen wollen. Mit ausgeruhten Beinen kommem wir nach einem sonnigen Tag am Rio Baker an, der tosend aus dem Lago Bertrand entspringt. Ein Leben am Bahnhof wäre dagegen eine Ruheoase. Einige hundertmeter flussabwärts und mehrere Dezibel weniger lockt uns ein schöner Lagerplatz für die Nacht. Auch Lukas aus der Schweiz, der die Carretera aus Süden her von Ushuaia abfährt, dachte sich das Selbe. Thomas kommt endlich mal zum Angeln und ist prompt erfolgreich. Zwei Bach- und eine Regenbogenforelle bringt er nach nur 30 min. Somit steht auch fest, was es zum Abendbrot geben wird :-)

 

Die nächsten Tagesetappen sollten nicht nur laut Berichten anderer Radler die Schwersten werden, auch wir müssen dies resümierend feststellen. Bis Cochrane, der letzten größeren "Stadt"(3000 EW), geht es recht passabel voran. Aber die Anstiege häufen sich und ziehen sich in die Länge. Mit den fortlaufenden Kilometern wird man dadurch sehr müde und kraftlos. Schon jetzt merken wir, dass unsere Tagesetappen nur noch ca. 50 km umfassen. Und schon am nächsten Tag wird es noch "komplizierter". Zu den verschärften Streckenbedingungen ändert sich nun auch die Wettersituation. 10 Grad und Regen setzen uns und unserer Motivation mächtig zu. Nach mehrereren Stunden im Regen und der aktiven Bewegung nützen auch die Regensachen nicht mehr viel. Durch die abstrahlende Körperwärme schlägt sich das Kondenswasser auf den Innenseiten der Kleidung nieder. Anstatt kalt und feucht von Außen, haben wir somit schwühl und feucht von Innen. Egal wie, nass ist man allemal. Und richtig unangenehm wird es dann, wenn wir stehenbleiben, um zu pausieren. Dabei kühlt der Körper schnell aus und wird nicht mehr richtig warm. Nicht schön. Obwohl Thomas immer sagt, dass wir Glück haben und nicht noch das Zelt im Regen auf -und wieder abbauen müssen, fühlen wir uns gerade weniger glücklich. Und da die Carretera so abgeschieden ist, können wir nicht mal eben sagen:"Gut, genug gefroren und mehr als genug Regentropfen aufgefangen, wir nehmen uns ein warmes Zimmer oder zelten im nächsten Ort." Der liegt hier meisten 30 bis 70 km entfernt. D.h. Mindestens weitere 2-4 Stunden fahren... Und auch Wildzelten gestaltet sich in dem urigen, ungenutzten Wäldern oder den steilen bergigen Landschaften als unmöglich. Wir müssen durchhalten. Bald erreichen wir das erste Grundstück seit Langem. Sofort halten wir an und versuchen dem alten Mann - mit unseren schlechten Spanischkenntnissen – klar zu machen, dass wir hier zelten wollen. Was für ein Glück, der Gute hat nichts dagegen. Wir kriechen ins Zelt, kochen Tee, Maissuppe und essen Abendbrot. Wir versuchen die nassen Sachen im Vorzelt aufzuhängen und ziehen trockene, warme Kleidung an, bevor wir in den kuscheligen Schlafsäcken verschwinden. Es regnet die ganze Nacht – und das ununterbrochen.

 

Auch der folgende Tag wird kein besserer. Am Nachmittag kapitulieren wir erneut. Berg für Berg quälen wir uns frierend in den feuchten Klamotten vom Vortag im Dauerregen durch die kluftige Landschaft. Sie mag hier durch die runterprasselnden Wasserfälle, den abfallenden Schluchten und grünen Steilwänden besonders schoen sein, doch dafür haben wir beim besten Willen kein Auge. An einem der unzähligen Anstiege platzt Elly im wahren Sinne des Wortes der Kragen. Vor Wut und entkräftet stößt sie ihr Rad zur Seite, protestiert und flucht, die Tränen fließen. Thomas sieht durchfroren und handlungsunfähig zu und kann nicht zwischen Regentropfen und Traenen unterscheiden.

Was will man in solchen Situationen sagen oder ändern? Auch ein ungläubiges Beten für eine Regenpause, ein bisschen Sonne, ebene Strassen oder ein paar Grad mehr helfen nix. In diesem Moment merken wir, dass wir tatsächlich diesen Natureinflüssen einfach bedingungslos ausgesetzt sind. Wir können nichts ändern. Ein furchtbares Gefuehl! Nur durchhalten und auf Besserung oder Unterschlupf hoffen, das ist das, was uns noch bleibt. Ein ernüchterner Tiefpunkt der bisherigen Reise.

 

Die Nerven liegen blank. Wir schieben die Räder. Die Klamotten kleben, die Haende frieren. Auch die sonst aufbauenden Schokoladenreserven sind aufgebraucht. Elly wünscht sich bei ihren Eltetn auf der Couch mit einer warmen Tasse Tee zu sitzen. Thomas hofft einfach nur, dass jetzt nicht noch Wind von vorne kommt und Elly einfach nur durchhält. Und dann kommt das erhoffte Wunder. In Form eines roten Pick Ups überholen uns die beiden stämmigen Chilenen, Claudio und Hernan. Ob wir Hilfe brauchen?!?! Scherzkeks. In Rekordzeit haben wir die Taschen vom Rad geschnallt und die Räder auf die Ladefläche verladen. Kurzdarauf sitzen wir im warmen, trockenem Auto. Gibt es doch so etwas wie einen Reisegott??! (für Elly schon). Die Jungs bieten uns an, dass wir mit zu ihren Eltern ins 25 km entfernte Rio Bravo fahren koennen. Wir verstehen was mit Ofen, Wärme, Mat-Tee und Dach über dem Kopf. Zähne klappernd nicken wir. Zuvor müssen wir noch die 8 km Fährfahrt über den Mitchell Fjord durchhalten. Aber auch das schaffen wir. Im Stall der Familie hängen wir alles auf, wärmen uns am Ofen und trinken traditionel Mate- Tee aus einem dafür ausgehühlten handgrossen Kürbis. Die ersehnte warme Dusche bleibt aus. Die Region ist so ländlich, dass es kein Fliessendwasser gibt. Aus einem Wassertank, der durch Regenwasser oder aus dem Bergbach gefüllt wird, kann Kaltwasser gezapft und erwärmt werden. Dies wird anschliessend im Eimer gemischt, um sich am Waschbecken zu waschen. Die Familie lebt sehr spartanisch, was uns weder überrascht noch schockiert allerdings die tatsaechliche Situation in der abgeschiedenen Region zeigt. Hoch interessant. Die Küche ist der einzige Raum, der durch den kleinen Ofen beheizt wird. Dieser ist gleichzeitig der Herd. Einen Kühlschrank gibt es nicht. Es gibt zwei Schlafzimmer und anscheinend ist Strom vorhanden. Gegessen werden selbstgebackene Brötchen. Würden sie mehr Haustiere haben, läge die Vermutung nah, dass sie selbstversorgend über die Runden kommen. Aber da Katz und Hund in diesem Teil der Welt nicht auf der Speisekarte stehen und wir sonst nur Hühner und nicht mal ein Gewächshaus gesehen haben, ist das wohl nicht der Fall.Von unserem reichlich gekochtem Abendessen  (Reis und Gemüse) will anfangs keiner etwas. Sie essen kein Abendbrot, heißt es. 

Wir schlafen auf einfachen holzernen Betten mit alten Matrazen. Es riecht muffig, ist kühl, aber wärmer als Draußen und dafür trocken. Hätte man die Wahl, würde man dieses "Angebot" aus hygenischer Sicht bestimmt ausschlagen. Aber wir sind erschöpft und es ist trocken... wir werden es wohl überleben. Unsere Klamotten und Schuhe sind in der Nacht etwas getrocknet. Zum Glück hatten wir einen Teil der Wäsche direkt am Ofen aufgehangen. Somit starten wir wenigstens warm und trocken in die nächste ungewisse Etappe. Wir bedanken uns herzlichst, verabschieden uns und treten ungewiss mit etwas Furcht vor einem weiteren schweren Tag in die Pedale.

 

Es läuft vorerst gut und trocken lang hin. Wir machen sogar wieder die ersten Witze und lachen. Nach 40 km erreichen wir eine komfortable Schutzhütte, von der uns andere Radler schon berichtet haben. Es ist noch früh am Tag. Wir sind hin und her gerissen, ob wir bleiben oder das gute Wetter für 1-2 Stunden nutzen sollten. Die beiden vorherigen, ehemaligen Hütten, auf die wir vergebens gewartet haben, existieren nicht mehr. Und da wir unbedingt in einer dieser Hütten nächtigen wollten, beschließen wir den Fahrradtag hier zu beenden. Wir suchen Holz fürs Feuer, das wir in dem vorgefertigten Ofen der Hütte später entfachen wollen. Schon nach 30 min nehmen uns die ersten Wolken die Sicht auf den vor uns liegenden Gletscher und der Regen setzt ein. Für uns die Bestättigung, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Plötzlich treibt es ca. 30-40 aufgebrachte Kühe aus dem Nichts an unserer Hütte vorbei. Hinten dran peitscht ein urechter Gaucho vom Pferd aus mit Hilfe seiner beiden Hunde die stöhnende Herde voran. Wir gucken angespannt und hoffen, dass die Kühe nicht in unsere Richtung laufen. Kurz darauf erscheinen ein daenisches junges Ehepaar, das an diesem Abend die Huette mit uns am Lagerfeuer teilt.

 

Am Morgen geht es bei besserem Wetter und ordentlich Rueckenwind auf zu den letzten 40 km der Carretera Austral. Villa O´Higgins ist der Zielort, der erst 1999 die Anbindung an die recht junge Strasse erhielt. Demzufolge steckt der Ort mit knapp 800 Einwohnern im Aufbau und scheint sich, bedingt durch den ausbreitenden Tourismus, allmaehlig zu entwickeln. Mit Freude und einem erfuellendem Gefuehl rollen wir in die kleine Siedlung, die an ein verlassenes Dorf aus den Western-Zeiten erinnert. Wir atmen tief durch mit dem Wissen, dass unser angestrebtes Ziel, die Carretera Austral zu befahren, hiermit tatsaechlich geschafft ist. Eine harte Probe fuer Material als auch physicher und psyschischer Belastungen ist bestanden. Wir umarmen uns herzlich und suchen uns ein schoenes Hostel, checken ein und nehmen uns ein Bett und gehen einkaufen – ausgiebig.

Angestossen wird mit…Alpenkraeuter (!), der tatsaechlich so heisst und in Chile produziert wurde. Dem Staub und dem Etikett zufolge ein Ladenhuetter, aber fuer uns genau das Richtige!!! Dennoch ist keine wirkliche Zeit zum verschnauffen. Wer von O´Higgings weiter moechte, hat die Wahl: Entweder die etlichen hundert Kilometer wieder zurueck , um ueber Argentinien (Ruta 40) nach Sueden zu gelangen oder den anderen abenteuerlichen Weg. Von dem letzteren haben wir schon gehoert und uns auch dafuer entschieden. Man nimmt zuerst eine Faehre von O´Higgins fuer 3,5 Std. ueber den gleichnamigen See. Diese faehrt allerdings aufgrund der anfangenden Nebensaison nur noch einmal pro Woche und gluecklicherweise am naechsten Tag. Wir buchen sofort, setzen ueber und haben dort einen 22 km langen Weg zu der naechsten Faehre zu bewaeltigen. Diese 22 km haben es allerdings in sich. Gedacht ist der Weg fuer Wanderer – es gibt keine Fahrzeuge. Allerdings haben es mehrere Radler probiert und es als “machbar” beschrieben. Nachdem wir die Passkontrolle an der chilenischen Grenzpolizei innerhalb von 2 Minuten bewaeltigen, geht es auf den ersten 6 km von 200m auf 700m hoch, schiebenderweise auf einem unwegsamen Trampelpfad. Danach zieht sich der Weg ca. 10 km relativ eben ueber eine Huegelkette mit wunderbarem Blick auf die umliegenden Seen. Wir passieren die tatsaechliche Landesgrenze zwischen Chile und Argentinien und stoppen zum Picknick mit Blick auf die uns bevorstehenden Berge in El Chalten.

Anschliessend radeln wir im Stile professioneller Mountainbiker durch einen der schoensten Waelder, die wir je gesehen haben. Unberuehrt und wild, liegen und stehen die kleinen, schroff, gewachsenen Baeume in Flechten und Moosen gehuellt dar. Ein maerchenhafter Weg fuehrt uns durch sie hindurch. Einzigartig! Die letzen 7 km gehen dann abenteuerlich hinab. Durch schlammige und feuchte Wiesen. Wir muessen kleine Baeche ueberbruecken und sie teils Barfuss durchlaufen. Ein ehemaliger Pferdepfad ist ausgewaschen und hat sich gut 50-70 cm in den Boden gefaercht. Die Breite dieser Furche hat exakt die Ausmasse, dass wir mit unseren seitlich haengenden Packtaschen inkl. 2 cm Spielraum durchpassen. Wir balancieren und manovrieren wie Artisten und erleben die beste und abwechslungsreichste Etappe, der bisherigen Tour! Steil, mit angezogenen Bremsen und dreckigen Raedern rollen wir bei den entspannten argentinischen Grenzpolizisten ein. Wir schlagen das Zelt am glasklaren Lago del Desierto auf und erwarten den naechsten Morgen zur weiteren Faehrueberfahrt nach EL Chalten.

 

El Chalten ist die “Hauptstadt des Trekkings” in Patagonien. Mit den Bergen Mt. Fitz Roy, Cerro Torre sowie den umgebenden Bergmassiv und dem Beginn des Patagonischen Eisfeldes zieht es Wanderer, Kletterer, Fotografen aus aller Welt an. So auch uns. Wir kommen bei Florentia, einer alleinerziehenden Mutter unter. Sie ist begeisterte Radreisende und bietet ihr Haus als “Casa del Ciclista“ an. Erneut treffen wir auf einen bunten Mix eifriger Radreisender. Wir zelten im Garten und nutzen die Raeumlichkeiten des kleinen Hauses zum Kochen und Austausch in grosser, freundlicher Gemeinschaft. Wir bleiben fuer 4 Tage, um uns eine langersehnte Pause zu goennen und das “inoffizielle Ende” unsere langen Radetappe zu festigen.

Weiterhin steht unser "61. Geburtstag" an, den wir gemeinsam vor Ort feiern. Wir kochen fuer die verbliebenden Radler und die Familie das Abendbrot (leckere, heimische Bouletten!!!)  und stossen angemessen auf weitere, schoene gemeinsame Momente an. In diesen Tagen wandern wir zum Aussichtspunkt Laguna des los Tres auf gut 1500 m und bestaunen den imposanten, verschneiten Mt. Fitz Roy (3405m). Allerdings zieht es uns bei windigen 0 Grad schnell wieder in niedrigere und angenehmere Gefilde.

 

Die Tage haben uns sehr gefallen und wir steigen erholt und zuversichtlich auf die Raeder zur naechsten Attraktion, einen der wenigen noch wachsenden Gletscher Perito Morena im 220 km entfernten El Calafate. Auf dieser Strecke aendert sich das Landschaftsbild enorm. Wir verlassen die gruenen, bergigen Areale und treffen auf die typisch, trockenen, windduchtosten Pamparegionen Argentiniens. Allerdings mit Rueckenwind auf den ersten knapp 100km. An diesem Tag weht es maechtig. Weniger als 3 Stunden gute 90 km! Der Wind schiebt uns ohne zu Treten kleine Huegel mit locker 40-45 km/h hoch. Es war wie Mottorradfahren, nur ohne Motor. Was fuer eine Freude. Wir mussen nur die gelegentlichen Boen konzentriert abfangen und die Raeder gerade auf der Strecke halten. Erst als wir zum Toilettengang anhielten, bemerkten wir die wirkenden Kraefte. Thomas schaffte es teilweise mit 70 km/h zu fahren. Es war ein entspanntes Dahinrollen ohne jegliche Anstrengung. Doch das aendert sich schlagartig, nachdem wir auf die Ruta 40 stossen und unseren Weg nach Westen einschlagen.

 

Man koennte meinen “Voll in die Fresse” - aber sowas von! Wir wollen uns erst einmal zum Mittag staerken. Bloss wo war die Frage?! Auf den letzten 100 km passierten wir kein Haus, keinen Baum, keine Unterstell- bzw. “Hinterstellmoeglichkeit”, um dem Wind zu entgehen. Pampa! Ueberall, wo man hinschaut. Pampa wirkt noch trostloser, wenn man sich tatsaechlich in ihr befindet, als wurde man diesen Begriff der trockenen, kargen vegetationsarmen Region nur salop dahin murmeln. Und dazu kommt der brechende Wind. Die groessten waagerechten Gebilde, die aus botanischer Sicht natuerlichen Wuchsformen nahe kommen koennten, ist das Holz der 1,20m hohen Zaunpfaehle, die wir zu tausenden passiert haben. Aber wie soll man sich dahinter verstecken? Der einzige Unterschlupf bot uns eine Art Regengraben, der die Strasse begleitet und alle paar Kilometer mit  einer zementierten Roehre ueberquert werden kann. Wir setzen uns zu zwei Franzoesinnen, die die gleiche Idee hatten, und per Anhalter unterwegs sind. Nach 20 min ging es nun gegen den Wind. Anfangs noch mit hurtigen 8 km/h pro Stunde. Der Wind spielt mit uns aufgrund der heftigen Windstoesse fast Ping Pong. Wir trudeln von einer Seite zur anderen. Aufgrund der sehr wenig befahrenden Strasse war das noch in Ordnung. Doch der Wind wird staerker. Wir hatten ja schon einiges an Wind in den Bergen oder auf hoher See erlebt. Aber das ist viel mehr, als wir erwartet hatten. Tage spaeter checken wir die Wetterbedingen fuer diesen Tag und es stellt sich heraus, dass der Wind bis auf 89 km/h stark war. Das ist uns zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Aber wir merken, dass wir fahrenderweise nicht mehr voran kommen. Spaetestens nachdem Elly das dritte Mal heftig vom Rad gefegt wird und erneut auf der Seite liegt, beschliessen wir lieber zu schieben. Es ist zwar sicherer, aber auch nicht leichter. Aufgrund der Taschen und der seitlichen Richtung des Windes hat er genuegend Angriffsflaeche, um uns zu beschaeftigen. Teilweise mit ganzem Koerpereinsatz versuchen wir die Gefaehrte aufrecht zu halten. Meter fuer Meter. Minute fuer Minute. Nur muehsam kommen wir voran. Die erste Stunde vergeht und die zweite bricht an. Irgendwann hat ein passierendes Auto Mitleid mit uns und stoppt, um uns zu fragen, ob alles okay sei und ob wir Hilfe braeuchten. Wir nicken und laden die Raeder in windeseile auf den Pick up. Berry und Susanna aus Amerika nehmen uns mit. Vielen Dank dafuer! Wir erreichen El Calafate am Abend und sind heilfroh, diese Strecke hinter uns gebracht zu haben.

 

Am folgenden Tag buchen wir einen Bus zum naheliegenden UNESCO-Weltnaturerbe im Nationalpark Los Glacieres. Eine massive, weisse, mit verschiedensten blautoenen schimmernde 50-60m hohe Wand erhebt sich vor uns. Diese Gletscherzunge ist ein gigantisches Schauspiel. Sie erstreckt sich ueber 5 km seitlich und 14 km in die Tiefe. Es brechen Eisbrocken von der Groesse eines Einfamilienhauses ab und versinken im Lago Argentino. Allerdings haben die globalen Erwaermungen das ehemalst (oder vielleicht noch tatsaechliche) taegliche Wachstum des Gletschers von 0,3 bis 2m pro Tag dazu gefuerht, dass er sich so nah an das Ufer schiebt und den Wasseraustausch des Sees einschraenkt und den Wasserspiegel anstaut bis er an vorderster Gletscherfront abbricht oder gesprengt wird. Eine schwer vorstellbare Erscheinung dieses eisigen Gebildes. Aber definitiv zu empfehlen, wer sich in dieser Region aufhalten sollte. Fuer uns ist es gleichzeitig unser suedlichster Punkt der Reise.

 

Wir planen die Rueckreise nach Bariloche (ARG), wo wir vor ueber einem Monat gestartet sind. Ernuechternd ist, dass wir diese Strecke von knapp 1700km in nur 28h Busfahrt zuruecklegen werden…Es geht von Bariloche aus wieder nach Chile, in die Hauptstadt Santiago in einer weiteren Busfahrt (20Std.). Hier planen wir gerade die Weiterfahrt mit dem Rad entlang der Kueste Richtung Norden. Wir hoffen,dass die gestern einsetzenden Regenfaelle in der Atacame Region, einer der trockensten Regionen, und die resultierenden Ueberschwemmungen uns nicht nicht beeinflussen werden. Wir sind gespannt, wie es kommt... 

Chile begruesst uns mit Beton!

Bericht 2: Chile 19.2. - 28.2.2015

 

 

Nach den ersten harten Kilometern auf Schotter erreichen wir die Grenze zu Chile. Wir stoppen am argentinischen Grenzposten, gehen in das kleine Holzhaeuschen und wickeln sehr unbuerokratisch die Einreise ab. Mit einem Stempel und einem Formular geht es ca. 2 km weiter zum chilenischen Posten. Hier ist die Kontrolle etwas aufwendiger. Einreisepapiere abstempeln, muendliche Befragung zu Verbotenen Gegenstaenden und dann die praktische Kontrolle von Hab und Gut. Es wird hier hauptsaechlich auf Obst und Gemuese sowie Fleisch- und Milchwaren kontrolliert. Diese Produkte duerfen nicht eingefuehrt werden. Ein Ausbrechen von nicht vorhandenen Krankheiten und einer Verbreitung von Parasiten soll damit verhindert werden. Da wir vorgesorgt hatten, muessen wir lediglich unseren Knoblauch abgeben. 

Wir steigen wieder auf die Raeder und erfreuen uns vorerst an den naechsten 10 km. Diese sind seit Eintritt zu Chile wieder geteert und bringen ein herrliches Fahrgefuehl. Kurz darauf erreichen wir die erste chilenische Siedlung Futaleufu. Das Oertchen ist fuer Rafting- und Kayakausfluege an den angrenzenden Fluessen bekannt. Wir besorgen uns chilenische Pesos und suchen einen Campingplatz. Der bietet  sich uns, wie es auch in den kommenden Tagen ueblich sein wird, in einem Garten einer Familie. Diese haben kurzer Hand ihr Grundstueck als Zeltplatz umfunktioniert. Ein Schild am Zaum und ein para bunte Faehnchen machen auf den Campingplatz aufmerksam. Man nutzt die Toilette des Hauses, gelegentlich wurde in einer Laube eine kleine Kueche eingerichtet und das war es. Im Schnitt kostet das Ganze 3 Euro pro Person/pro Nacht. Huehner, Katzen, Hunde und die Familien sind allgegenwaertig. 

Am naechsten Tag geht es 80 km weiter nach Westen. Der Zielort Villa Lucia ist fuer uns Beginn der Ruta 7, der bekannten Carretera Austral. Der Ort zaehlt keine 1000 Einwohner, hat aber bestimmt 5 kleine Laeden. Eine Besonderheit ist es wohl, in kleinen Doerfern viele kleine “Supermercados” zu haben. Es gibt Getraenke, Konserven und ab und an Fruechte. Dennoch sind diese Tante-Emma- Laeden fuer uns ausreichend, um das noetigste zu kaufen.

 

Am 20.2. beginnen wir dann die beruechtigte Carretera Austral zu befahren. Mittlerweile hat sie auf einigen hundert Kilometern von Puerto Montt im Norden nach Villa O´Higgins im Sueden an ihrem typischen Charakter verloren. Es wird gebaut. Der kiesige, schotterartige Belag bringt Steingroessen von 0,5cm bis faustgrosse Klumpen mit sich. Zudem ist der Belag nicht immer eben und wird von Waschbrettartigen Riffeln geformt. Sowohl fuer Autos als auch fuer Raeder ein absoluter Haertetest. Es ruckelt und holpert, man rutscht und lenkt gegen, um die Spur zu halten. Oftmals ein artistisches  Unterfangen. Weiterhin sind die Steigungen recht problematisch. In Serpentinen  geht es bergauf. Und in steilen Abfahrten, auf unsicheren Belag bergab. Konzentration ist staendig gefragt ,um nicht kopfueber vom Sattel zu fliegen. Fuer uns, als auch fuer die Raeder, sind diese Bedingung neu und stellen uns, als auch das Material, auf die Probe.

Es sind recht wenig Autos unterwegs: Lediglich 20 bis 30 Fahrzeuge am Tag passieren uns. Dennoch wirbeln sie zusaetzlich Staub auf, der sich am Rad, den Klamotten sowie auf Haut und Haar  absetzt. All das sind Bedingungen , die diese Radreise besonders machen. Aber wohl gerade deswegen wird diese Route nicht nur von uns, sondern erstaunlicherweise von etlichen anderen Radlern aufgesucht. Australien, Schweiz, Namibia, Frankreich, Amerika, Chile, Lichtenstein und andere Nationalitaeten begegnen uns. Allerdings ist unsere geplante Route mit ca. 1500 km nur ein Teil von dem, was die meisten bestreiten. Von Kolumbien nach Argentinien, von Amerika nach Feuerland, durch Bolivien, Peru und Brasilien. Ertsuanlich welche Strecken sich die Abenteurer ausgesucht haben.

 

Fuer uns geht es weiter nach La Junta. Ein Dorf, das an dem Samstag, den wir zum ueberfaelligen Ruhetag erklaeren, ein Jubilaeum feiert. Ganze 51 Jahre existiert dieser Ort jetzt. Verblueffend, aber verstaendlich, da der Bau der Strasse erst in den 70er durch den Diktator und Praesidenten Pinochet voran getrieben wurde. Und diese Bauarbeiten sind in vollem Gange und wohl erst zu 2050 beendet. Das Jubilaeumsfest auf dem Marktplatz beginnt erst nach 22 Uhr, was fuer uns eher untypisch ist.  Wir bleiben 30 min, da dies laengst unsere Schlafenszeit ist. Es wird bis morgens um 5.00 Uhr gefeiert. Eine Angewohnheit, die fuer Chilenen ueber die Landesgrenze hinaus bekannt ist. Nach einer langen Siesta am Nachmittag wird spaet abends gegessen und meist noch laenger und enorm laut gefeiert.  Uns stoert es in unserem gemuetlichen Zelt nicht.

 

Gut ausgeschlafen steigen wir wieder aufs Rad und treten wieder in die Pedale. Ein National Park, 20 km hinter Puyuhuapi, ist das Tagesziel. Unser Essen in den Taschen wird auf dem Weg ordentlich durchgeschuettelt, so dass es die gekochten Eier und die Tomate einen saftigen Salat ergeben. Wir erreichen den Eingang des Parks und schlagen das Zelt neben einem alten abgestellten Bus auf. Das Szenario erinnert sofort an den Film “Into the Wild”. Im Bus wartet Tom, der uns einen Tag vorraus war. Wir sitzen, trinken und erzaehlen mit anderen Reisenden. Immer haeufiger begegnen wir Rucksackreisenden, die trampenderweise unterwegs sind. Ein Volkssport hat man das Gefuehl. In den Doerfern stehen bis zu 15 Leute mit ihren grossen Rucksaecken und halten den Daumen gen Himmel. Sie warten bis zu 5-6 Studnen und hoffen auf eine Mitnahme. Allerdings ist dieses Wanderverhalten weit verbreitet und scheint aufzugehen. Wir fuehlem uns allerdings auf unseren Raedern wohl und frei, muessen nicht warten und auf einen Ortswechsel hoffen. In dieser Nacht kommt der erste Regen. Es troepfelt leicht. Am Morgen klart es wieder auf und wir besteigen den ausgewiesenen Pfad zum Aussichtspunkt. Von dort aus sieht man den haengenden Gletscher Ventisquero. Eine hellblaue Eismasse drueckt sich durch das Gebirgsmassiv und entlaesst kaltes Wasser in kleinen Wasserfaellen. Dieses sammelt sich in einem angestauten, durch minerale blau gefaerbten See. Wir stehen und bestaunen das imposante, kraeftige Naturschauspiel. Nachdem Abstieg steigen wir gegen Mittag aufs Rad. Schon bald merken wir die Doppelbelastung in den Oberschenkeln. Die Etappe sollte eine kurze sein,  weil sie sich auf einen Pass von fast 600m raufschraubt. Teils zu anstrengend, so dass wir mehrere Pausen machen und die kniffigen Anstiege schiebend bewaeltigen. Wir freuen uns auf die Abfahrt. Doch auch diese hat es in  sich. Der Schotter ist sehr grob, locker und frisch aufgeschuettet. Die Raeder versinken foermlich und wir geraten ins Schlingern. Mit dem aufgeladenem Gepaeck ist es ein Kraftakt, bei angezogener Hinterbremse das Gefaehrt auf der Spur zu halten. Aber alles wird gut.

Am Ende erreichen wir die naechste Kreuzung nach 45 km und rollen wieder auf Beton. Eine Freude. Am Fluss waschen wir uns den Staub vom Leib und fahren noch 3 km, um nicht unweit von der Strasse in der Wildnis zu zelten.  

 

Fuer diese naechsten 250 km sind die Bauarbveiten abgeschlossen und wir rollen nun mit durchschnittlich 20 km/h mit leichten Steigungen dahin.  Aus dem Nichts erscheint uns eines Tages am Strassenrand ein kleines, gelbes hoelzernes Haeuschen.  Kuchen, Pan (Brot) und Café soll es hier  geben. Natuerlich stoppen wir. Und sind begeistert von dem cremigen Kuchen. Aufgeschlagenes Eiklar ueber Erdbeeren oder Kaese sind ein Genuss fuer jeden Radler. Einen Kaffee und alle Strapazen sind wieder vergessen.

 

Unsere naechstes Ziel ist nun die “Grossstadt” Coyhaique. Das wuselige Leben der 40.000 Einwohner bietet uns eine willkommene Abwechslung. Waesche waschen, riesige Supermaerkte, Radladen, Post und Internet sind die anzusteuernden Geschaefte. Zwei Tage Ruhe goennen wir uns hier und sind nicht allein. Wr sind in einem “Warmshowers” (Unterkuenfte von Radler fuer Radler ) bzw. in Suedamerika auch als “Casa de bicicletas” bekannt. Ein kleines Grundstueck beherbergt mind. 15 Zelte mit Radlern aus aller Welt. Gegen eine kleine Spende fuer Unkosten von Wasser und Gas darf man bleiben. Das machen wir und treffen auf interessante Menschen und tolle Geschichten. Bis morgen wollen wir bleiben und dann wieder aufs Rad. Ein Anstieg bis auf 1065m wartet und eine lange unbesiedelte Strecke mit hoechsten 1-2 Doerfern auf 300 km. Das heisst ordentlich Proviant einpacken und zusaetzliches Gewicht mit schleppen. Aber auch das sollte zu schaffen sein.

 

Bisher sind wir mehr als 800 km gefahren, zwei Platten, eine gebrochenen Speiche, Sonnenbrand und leicht verstellte Gaenge  sind die “Negativschlagzeilen”. Wir machen jetzt noch eine Siesta und gesellen uns heute Abend zum deftigen Grillabend mit den Radlern.

Beste Gruesse

Todo Bien 

Zwischenstopp und Durchatmen am Fluss

Bericht 1: 12.2.-18.02.2015

Buenvienidos argentina

 

Wir haben es tatsaechlich geschafft. Wilkommen Südamerika. Willkommen Patagonien.

Der Flug von Frankfurt erschien uns kürzer als die tatsächlichen 23 Stunden.  Ueber São Paolo,  Buenos Aires ging es nach San Carlos de Bariloche.  Der letzte Flugabschnitt verspätete sich sogar noch um weitere 4 Stunden, die uns ebenfalls nicht weiter laestig erschienen. Schließlich erreichten wir Bariloche bei 23 Grad am fruehen Abend.  Das angenehme Klima und ein laengst vergessener blauer Himmel waren eine willkommene Abwechslung zum grauen winterlichen heimatlichen Alltag.

Wir holten die Fahrradkartons und Rucksaecke vom Laufband der Gepaeckabholung und fuhren zum gebuchten Hostel.  Schon auf der Fahrt gefiel uns Bariloche.  Ein kombinierter Baustil mit Feldsteinen und vielen Holzelementen, bunten Tueren und Fenstern und der  Blick auf den Lago Nahuel huapi bilden eine ansprechende Athmosphaere. Die Innenstadt ist zur aktuellen Hochsaison belegt und bunt. Im Winter herrscht hier ein reger Wintersportbetrieb.

Wir besorgten die fehlenden Kleinigkeiten wie Pfanne, Benzin fuer den Kocher, Salzstreuer,  Strassenkarte,  Gewuerze sowie Mahlzeiten fuer die naechsten Tage.  Anschließend setzten wir die Raeder zusammen und machten die erste Testfahrt.  Alles okay soweit. 

 

Andere verbringen den Valentinstag gemuetlich mit einem Glas Rotwein beim Essen oder Gehen ins Kino. Wir dagegen setzten am Vormittag zur ersten Tagesetappe nach Sueden an. Aus Bariloche raus fuehrt ein recht steiler Anstieg, so dass wir nach ca. 8 min im Sattel bei 28 Grad zum Schieben uebergehen müssen, um die ersten steilen Hoehenmeter zu bewaeltigen.  Ein Auftakt nach Maß.

Wir befinden uns auf gut 950 m auf der Ruta 40 und radeln Richtung Sueden. Unser Blick fällt auf steile, vom Wind geprägte kahle Berge, die uns umgeben.  Der Weg führt weiter auf der mässig befahren Hauptstrasse entlang von Nadelwaeldern und teils sehr großen glasklaren Seen, die in den Tälern eingebettet sind.  Andauernd werden wir angehupt. Aber nicht, weil wir unerwünscht sind oder ein Verkehrshindernis darstellen, sondern eher als Zeichen des Ansporns,  der Freude oder des Respekts. Eine nette Geste und ein aufbauender Moment der Freude. Das  Radfahren gefällt uns sehr und wir sind wie mit einem Wimpernschlag in einem gewohnten Ablauf der uns Zufriedenheit gibt.  Der erste Tag führt uns ohne große Probleme nach 80 km in kleines verschlafenes Örtchen, in dem wir unser Zelt aufschlagen. Wir halten an einer hölzernen "Gaststube" und fragen ohne spanisch Kenntnisse nach den umständen. Alles okay. Wir koennen zelten, es gibt keine Duschen, dafuer eine Toilette und Waschbecken. Wir setzen uns zufrieden auf die Terasse und bestellen uns ein wohl verdientes kaltes Cerveza und blicken erschoepft auf eine beruhigende Berglandschaft mit Schnee bedeckten Spitzen.

Ein weiterer Radler kreuzt plötzlich unsere Blicke. Wir winken ihn heran. Tom ist Australier und seit 14 Monaten unterwegs. Er startete in San Francicso und will bis zur südlichsten Spitze Feuerlands nach Ushuaia. Er hat für den Tag ebenfalls genug und gesellt sich zu uns. Er ist uns sofort sympathisch.

 

Am nächsten Morgen geht es zu dritt weiter. Top Wetter, lockere Beine und beste Laune führen uns nach El Bolson, bekannt als Anbaugebiet für Hopfen und Erdbeeren. Als kleines Hippie-Dorf verschrien truddeln wir in eine belebte Stadt, eine der wenigen Großen mit ca. 25 000 Einwohnern, die wir in nächster Zeit passieren werden. Wir schlendern über den vielfältigen, lokalen Markt und sehen zum ersten mal die Fülle an landestypischen Produkten. Viel Handarbeitserzeugnisse wie Ketten, Armbänder, Kopfschmuck, hölzerne Schneidebretter für die Küche, Taschen sowie Marmelade und Käse. Aufgrund fehlenden Transportkapazitäten und dem Bewusstsein, dass uns jede 100gr  in den Gepäcktaschen extra Balast sind, haben wir nicht zu geschlagen. Im Supermarkt besorgen wir die nötigen Lebensmittel für das abendliche BBQ und finden einen ruhigen, staubigen Zeltplatz am Rande der Stadt.

 

Argentinien ist heißer als wir erwarteten. Täglich steigt das Thermometer über 30 Grad Celsius. Nach den ersten kräftigen Sonnenbränden an Wade, Fuß und Handgelenken fahren wir lang bekleidet. Thomas trägt lange schwarze, dünne Unterhosen und wie für uns Deutsche fast typisch ist, Socken unter den Sandalen. Elly hat die Strümpfe  dagegen aufgeschnitten, um sie als Überzieher an den Armen zu tragen. Mittlerweile haben wir die 20er Sonnenmilch gegen ordentliche mit Sonnenschutzfaktor 80 eingetauscht.

Wir treffen nun vereinzelt auf weitere Radreisende, die aus Süden kommen oder ebenfalls dort hin wollen. Jeder hat andere Infos und Bedenken zu den zu erwartenden Strassenverhältnissen, Wetterbedingungen und Machbarkeit der Careterra Austral auf chilenischer Seite. Aber wir bleiben gelassen und überzeugen uns selbst davon.

 

Am folgenden Tag schaffen wir letztendlich 90km. Dabei legen wir einige Höhenmeter zurück. Es geht teils von ca. 500m rauf auf 900m und auch wieder mal runter. Die Vegetation ändert sich schon ersichtlich. Konnten wir anfangs noch Brombeeren am Strassenrand essen, ist es mittlerweile trocken und der Bewuchs auf den Landflächen ausgedünnt. Weniger Bäume, meist nur Sträucher und Büsche stehen in der spärlich bewachsenden Gegend. Bei der anhaltenden Hitze sind die erhofften schattigen, grünen Rastplätze an einer Hand abzuzählen. Und das auf einer Distanz von fast 100 km. Tom holt Wasser an einer Polizeistation, die als einziges Gebäude an unserem Weg liegt. Weder Tankstellen noch Ortschaften passieren wir. Schafe, Vögel und die ersten Guanokos, die hier typischen Verwandten der Alpakas bewgen sich auf den endlosen Feldern. Unser Wasser wird knapp, die Oberschenkel brennen und die nächste Stadt ist zu weit. Die Hoffnung, einen geeigneten Zeltplatz an einem der in der Karte verzeichneten Flüße zu finden, schwindet. Der lange trockene Sommer bringt mehr ausgetrocknete Flussbetten, anstatt erfrischendes, kühles Nass mit sich. Ein einzelnes Grundstück zeigt sich am nächsten Hügel. Wir halten an und fragen, ob wir hier nächtigen können. Es sei kein Problem. Wir stellen die Zelte auf, kochen Nudeln, umgeben von Huehner, Hunden und den spielenden Kindern der chilenischen Großfamilie, die gerade ein Geburtstag feiert. Wir legen uns mit dem Sonnenuntergang gegen 21 Uhr in die Schlafsäcke und schlafen ein.

 

Nach weiteren 80km mit dem ersten Gegenwind und einen harten Teilstück erreichen wir Esquel. Wir bleiben, duschen, waschen die Sachen, kaufen ein und erholen uns am Abend mit argentinischem Steak und Aubergine vom Grill, einem Glas Fernet Branca und beraten über die nächsten Streckenabschnitte. Diese stehen nun an. Wir sind 60 km vor der Grenze zu Chile entfernt. Dort werden, aufgrund der Gefahr vor zu übertragenden Plagen von Fruchtfliegen und den resultierenden Ernteausfällen, Lebensmittel kontrolliert und abgenommen. Das heißt, jetzt alles aufessen und dann neu eindecken. Doch vorerst ändern sich die Strassenbelege. Der recht gute Asphalt geht nun über in den charakteristischen Schotter der Cereterra Austral. Dieser wird uns wohl einige hundert Kilometer begleiten und uns fordern. Wir sind gespannt, ob und wie wir es meistern können.

 

Bisher ist es alles sehr beeindruckend und unkompliziert. Wir hoffen, dass es so bleibt und wir weiter die Eindrücke Patagoniens nicht nur sammeln können, sondern sie tatsächlich erleben.

Beste Grüsse von uns zwei rollenden Reisenden!

Wir werden in  San Carlos de Bariloche (Argentinien) landen und uns dann knapp 300 km südlichen fortbewegen. Anschließend kreuzen wir die Anden und reisen in Chile ein. Dort geht es auf der Careterra Austral weiter. Erneut werden wieder mehrere hundert Kilometer später die Grenze überschreiten,  um wieder in Argentinien zu sein. Ziel ist es, in ca. 1700 km El Calafaté zu erreichen. We will see how it goes....